Mittwoch, 23. Mai 2012

Triple R (Riley Reinhold) - Interview mit dem label: Acid Orange (Frontpage Magazin)



Acid Orange

von Triple R



Acid Orange ist ein neues Berliner Label, das so wenig nach Berlin gehört wie Gabba ins Berliner E-Werk. Sich ein Stück Lebensqualität in die Stadt zu holen, die ihrem Hardcorstatus in vielerlei Hinsicht abgeschworen hat, das ist das Ziel von Acid Orange. Es geht darum, eine Nische für harten Acid zu schaffen, völlig frei von irgendwelchen Anerkennungs- und Profilierungsnöten, Statuten, pragmatischen Zielen und was sonst noch, ein Echo von sich selbst erzielen und dadurch vielleicht sogar unfreiweillig der Stadt seinen Stempel aufzudrücken. Es ist ein nachvollziehbares und verständliches Interesse und steht im Kontrast zu einer DJ- und Hörergeneration, die bequem ist anstatt Risikobereitschaft zu zeigen.
Die Platten von Acid Orange erinnern stark an die ersten Releases von Djungle Fever, strotzen vor Ideen und werden sicherlich in den nächsten Monaten noch an Produktionsqualität zu arbeiten haben. Aber warum darüber sich den Kopf zerbrechen, wenn hier der Lethargie ein Bein gestellt werden kann.
Die ersten Acid Orange Platten erschienen vor wenigen Monaten mit einem Pulk von holländischen, Bunker- und Acid Planet-Platten auf dem Markt, ohne daß man dabei auf den Gedanken gekommen wäre, daß es sich um deutsche Platten gehandelt hätte. Nicht umsonst, denn einer der Köpfe des Labels, Beroshima hat sich nicht auschließlich mit deutscher Techno-Kultur umgeben sondern lebte mehrere Jahre in Holland und lernte dort den Kreis der Leute rund um Unit Moebus, Acid Junkies, Random XS und ZeroOne kennen.
Tripl R sprach mit Beroshima


FP:
Wie ist die Szene in Holland im Vergleich zu Deutschland?
B:
Die verrückteste Szene ist in Den Haag. Rotterdam ist eher langweilig. In Den Haag ist es den Leuten auch egal, ob sie mit der Musik (Acid) Erfolg haben oder nicht. Ference von Hot Mix Distribution ist der Kopf der Sache, der das ganze am Leben hält. Der achtet darauf, daß die Leute ihr Geld bekommen, die Platten in die Läden usw. Es ist aber vor allem eine FUN-Geschichte. Von den Parties her ist es in Holland schon fast so schwer wie in England. Es gibt zwar kein Gesetz dagegen, aber es ist höllisch schwer, eine Genehmigung zu bekommen. Deshalb läuft dort alles in besetzten Häusern ab. Ist vielleicht besser so, weil die Szene klein aber auch gesund bleibt.
FP:
Wie ist deine Labelpolitik bei Acid Orange?
B:
Bei Acid Orange kann sich jeder austoben, dafür ist das Label ja da. Es muß dem Label nur irgendwie gerecht werden. Es muß nicht unbedingt Acid sein, ich habe nichts gegen guten Detroit. Bei uns wird jeder korrekt bezahlt, eine Subventionierung des Berliner Undergrounds. Ich kenne genug, die abgezogen werden. Leute wie Spiral Tribe kriegen das gesamte Geld, denn sie können es ganz gut gebrauchen. Sie wollen im Frühjahr in die USA mit zwei Trucks. Überall wo sie waren, haben sie etwas bewegt. Sie waren ja eine lange Zeit in Berlin und haben dazu beigetragen uns zu motivieren. Dann waren sie in Prag, wo sich jetzt auch Leute formieren.
FP:
Wer ist Robotnik bei Acid Orange?
B:
Er lebt in Berlin, ist Toningenieur und experimentiert an seinen Maschinen seit jetzt vier Jahren. Der ist auch so einer, der letztendlich einen Kick braucht, um sich aufzuraffen und seine Stücke rauszubringen. Denn sie sind wirklich gut, und wenn sich keiner drum kümmert, bleibt alles auf Cassette oder DAT. Den Leuten vom Elektro in Berlin habe ich einfach die Preisliste vom Presswerk in die Hand gedrückt und gesagt Macht mal! Jetzt gibts das Label. Das ist doch witzig.
FP:
Welche Beziehung besteht zwischen Acid Orange, Spiral Tribe und Bunker?
B:
Ference, Unit Moebus und andere habe ich über Hot Mix Holland kennengelernt. Spiral Tribe ebenfalls in Den Haag, und sie sind ja später nach Berlin umgezogen. Wir haben sie für eine Party gebucht und produzierten dann zusammen Ð Robotnik, Spiral Tribe und ich, in einem Keller eine Woche lang und zwarTag und Nacht... Spiral Tribe war es auch, die mir das Presswerk im Osten nannten, das enorm billig war. Unter dem Namen Network 23 produzieren wir alle zusammen. Es bleibt aber anonym, wer auf welcher Platte veröffentlicht.
FP:
Wieviele Platten preß ihr?
B:
Wir pressen 500, denn ich will nicht, daß irgendwelche zurückkommen, die dann im Ausverkaufsregal landen. Das ist schlecht fürs Label. Von den 500 verschenken wir 50 Stück, was wir auch in Zukunft beibehalten wollen. Selbst wenn die Platten keiner kaufen würde, würden wir 50 pressen, um sie zu verschenken. Wenn du dich an den Verkaufszahlen orientierst, ist eigentlich irgendwann vorprogrammiert, daß du Kommerztechno machst. Unsere nächsten Platten werden 200 Gramm schwer sein. Die Maschine ist jetzt für uns umgebaut worden, weil wir die schlapprigen 100 Gramm Platten nicht mögen. Du kannst auch nicht so tief pressen. In erster Linie ist es aber das Gefühl, eine solche Platte in den Händen zu halten. Wir haben jetzt die Leute im Presswerk dahingehend erzogen, daß sie mehr Druck auf die Nadel legen. Die hatten vorher Angst um ihre Stechnadeln. Bei einigen Sachen hast du solche Dynamikschwankungen drin, die machen die Schneidemaschine kaputt. Wenn du analog schneidest, hast du mehr Möglichkeiten, noch tiefer zu gehen. Digital hast du 70 mü, analog hast du 100 mü. Witzig ist es, buntes Vinyl zu verwenden. Wenn man bei 100 Gramm Platten bestimmten Vinylsorten Farbe zumixt, wird es härter. Normalerweise sagt man, daß schwarzes Vinyl besser ist wegen der Rußpartikel. Aber in den meisten Fällen gibt es bei farbigem Vinyl keine Qualitätsabstriche. Bei einer Grammzahl von 200 ist es einfacher, schwarzes Vinyl zu verwenden, weil dieser besser durchheizt werden kann. Momentan kümmere ich mich im Presswerk um 12 Labels.
FP:
Ihr organsiert auch Parties in Berlin oder sonstwo?
B:
Im Mai haben wir im Tränenpalast mit Frau Antje bringt Techno aus Holland eine Party gemacht. Die Leute von Tok Tok machen öfters Parties in Berlin. Ich selbst habe mehrere Parties im Sauerland, im Cult gemacht. Das ist ein Grunge- und Regea-Schuppen. Zuerst kamen 500 und jetzt kommen 1000 Leute, die total die Musik fressen. Unsere Flyer hatten lustigerweise Lebkuchengeruch.
FP:
Welche Maschinen benutzt du in deinen Tracks?
B:
Ich benutze hauptsächlich 707, die alten Roland Modular(Steck)systeme, zwei Protheus 6, Moog. Wir tauschen ab und zu die Geräte, der Abwechlung wegen. Wir sind dem Digitalem eigentlich abgeneigt.
FP:
Hast du früher schon Musik gemacht?
B:
Ich habe früher New Wave und Punk gemacht, war aber ziemlich fruchtlos. Als ich nach Holland gezogen bin, kam Acid und Technoüber mich. Ich habe in Stornhofen gelebt. Das ist zwischen Rotterdam, Den Haag und Ütrecht. Holland ist kleiner. Wenn du zwei Stunden fährst, bis du entweder im Wasser oder im Ausland.
FP:
Was machst du außer Musik?
B:
Ich arbeite für eine Firma, die sich auf Umwelttechnik spezialisiert. Ich habe vorher Maschinenbau studiert und Maschinen entwickelt zur Abfallbeseitigung und Sortierung, Geräte, die hinter dem Müllwagen hängen oder stationär sind. Kunden sind die Kommunen. Die Geräte sind in Holland und Übersee verkauft worden. Ich habe drei Jahre lang von meiner Firma dafür Geld bekommen.Ich hatte mein eigenes Büro usw. Meinen ersten Roboter habe ich mit 16 Jahren konstruiert.
FP:
Was vermißt du bei den Outputs momentan am meisten?
B:
Es gibt eigentlich gar keinen Poweracid mehr. Das ist, was ich vermisse. 160 Beats, was da pfeift und klirrt und einen richtig wegbläst. DJ Hell ist neben Luke Slater die letzte Instanz des guten Geschmacks.
FP:
Deine Roots?
B:
Ich habe früher amerikanische schräge elektronische Platten gekauft, Nash The Slash aus San Franzisko z.B.
FP:
Zukunft?
B:
Mal schauen wie alles läuft, wenn wir ein neues Studio haben. Dann werden wir auch andere Leute mit hinein nehmen. Moonraker von Tok Tok hat ein paar sehr gute Stücke gemacht. Tok Tok wird vermutlich mit V sein eigenen Label gründen. Das neue Sublabel von Acid Orange wird Tanjobi heißen und im Januar erste Release herausbringen. Ich habe in der letzten Zeit auch ein paar Stücke gemacht, die kein Acid sind. Ich nenne es auch Speedcore. Diese Stücke werden unter anderem auf diesem Label erscheinen. Sebastian von Spiral Tribe macht zur Zeit verschrobene Dub Acid Stücke, die auch auf Acid Orange erscheinen werden. Unter dem Namen Network 23 werden die Leute von Bunker produzieren, sowohl Spiral Tribe, E De Cologne und wir. Alle Platten erscheinen ohne Hinweise auf Produzenten.
Des weiteren gibt es eine Formation aus etwas bekannteren Berlinern, die anonym bleiben wollen, sich Kopftanz nennen und eine Acidplatte herausbringen. Acid Orange 7 kommt von einem Mädchen und ist etwas verspielter Acid mit unkonventionellen Breaks. Wir haben vor kurzem unsere ersten 50 Platten nach Japan verkauft. Mal gucken, was da noch passiert, und für die Zukunft habe ich mir vorgenommen, mal eine große Acidparty im Cult zu machen.


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