Mittwoch, 23. Mai 2012

Triple R (Riley Reinhold) Interview mit Steve Stoll (für Frontpage)

Steve Stoll

Honest & Pure Tracks from New York


So etwas wie eine weltumspannende Technoszene hat es möglich gemacht,daß man nicht mehr mit Leichtigkeit den Ursprungsort einer Platte errät. Techno hat schon seit längerem universellen Charakter erlangt, aber die Form der Produktion, die spezifische Handschrift des Künstlers und die des Preßwerks, sprich des Cutters, führt zu dem, was man Stil nennt. Dennoch gibt es einige, die sich wie ein Chameleon durch die Technoszene bewegen.
Steve Stoll ist einer, der seine Coleur von Platte zu Platte ändert und in seiner Form von Mimikri in einer unheimlichen Art und Weise überzeugt.
Wenige wissen, daß er neben seinen momentanen Projekten auf dem New Yorker Label Synewave auch Platten auf Djax Up unter dem Projektnamen Storm veröffentlicht, unter "Hemisphere" mit Pete Namlook eine Ambientplatte produzierte, sowie mit Datacloud auf Probe seine erste internationale Platte herausbrachte. In Deutschland ist er zusätzlich bekannt geworden durch sein Vinyl auf Delirium, "The Electronic World EP", sowie durch die erst vor kurzem erschienene "Dark Man" Double 10". Erst vor kurzem gründete er sein eigenes Label Proper Records, das bisher drei Releases markierte.
Seine schon vorher angesprochene Vielseitigkeit drückt sich in monotonen, langen Endlosmodulationen, hartem New York Acid, analogem Ambient und nicht zuletzt auf seinem eigenem Label in mehr an Detroit angelehnten Tracks aus. Monotonie scheint für ihn eine wichtige Konstante darzustellen. "Wiederholungen sind die Basis für viele meiner Stücke. Wenn du genau hinhörst, wirst du subtile Veränderungen festellen. Für mich verliert ein Stück die Richtung, wenn es stark variiert. Ich bevorzuge es, einen Groove aufzubauen und arbeite grooveimmanent, was sicherlich mit meiner Vergangenheit als Schlagzeuger zu tun hat."
Steve Stoll begann seine Laufbahn als Drummer bei der Industrialband KMFDM, die in den USA auf Wax Trax erschienen, bezeichnet sich aber selber eher als Programmer. "Ich habe schon mit zehn Jahren angefangen zu drummen. Ich erinnere mich, daß ich noch zu KMFDM-Zeiten schon einer der ersten war, der in New York mit elektronischen Drums rumexperimentierte. Ich testete jedes erdenkliche Drumprogramm, was mich letztendlich zum Programmieren brachte." Was oft auffällt bei Stücken von Steve Stoll, speziell bei Platten auf Djax Up und Delirium, ist das düstere Ambiente, das sich nicht zuletzt mit der "The Dark Man" auch als Titel niederschlägt.


Interview:


by Triple R






Was bewegt dich zu "darken" Tracks wie du sie machst?

S:
Wenn ich Happy-Tacks machen würde, würde das nicht das reflektieren, was ich im Inneren fühle. Ich glaube das Umfeld, in dem ich mich bewege, ist da wichtig. Ich lebe in Midtown von New York. Prostituierte, Drogendealer e.t.c., das sind Sachen, die du deshalb aus deinem Kopf verbannen möchtest. Manchmal ist es aber hart. Ich war zur Zeit des Golf-Krieges in Saudi Arabien und habe mit einem Walkman Sounds von Scud Attacken aufgenommen. Das sind auch Erfahrungen, die mich beeinflußt haben. Mein Projektname Storm ist Resultat meiner Erfahrungen dort.
FP:
Wie bist du nach Saudi Arabien gekommen?
S:
Ich bin der Army beigetreten als ich sehr jung war und habe während des ganzen Golfkrieges als Aufklärer von Satellitenbilder gearbeitet und Bombenangriffe lokalisiert. Das war 1991, für mich liegt das schon sehr lange zurück. Auch wenn das keinen direkten Einfluß auf meine Stücke hat, ich behalte das in meinem Hinterkopf und es zeigt nur, wie "fucked up" die Regierungen sind. Es ist unglaublich. Ich habe gestern eine Nachrichtensendung über die Architekten gesehen, die in Deutschland zur Zeit des NS-Regimes die Gaskammern/ Krematorien gebaut haben, die nie angeklagt wurden und heutzutage noch im Business sind. Das macht mir echt Angst. Es gibt hier in den USA viele, die sagen, daß es so etwas wie den Holocaust nie gab. Ich finde, da muß man Position beziehen und etwas dagegensetzen. Letzte Woche ist eine Frau bei mir um die Ecke vor einen Zug gestoßen worden und keiner von den Leuten auf dem Bahnsteig hat sich etwas anmerken lassen. Passiv zu sein ist bullshit. Ich habe dennoch eine positive Einstellung gegenüber der kommendenden Generation, speziell den Leute gegenüber aus meinem Umfeld, universelle Menschen. Ich arbeite in den USA, aber ich habe genau so viel zu tun mit Leuten in Europa. Technology läßt die Welt zusammenrücken. Sachen, die in Afrika passieren, berühren uns hier und vielleicht in zehn Jahren, wenn Leute unseren Alters die Welt regieren, wird einiges anders. Aber ich glaube, daß das in einer gewissen Weise jede Generation das von sich sagt.
FP:
Du hast jetzt dein eigenes Label, was hat sich dadurch verändert und wie waren die Reaktionen?
S:
Ich habe das größte Risiko bis jetzt auf mich genommen. Ich habe gestern meine Arbeit gekündigt und mache jetzt nur noch mein Label, full time. Proper hat angezogen seit der ersten Platte, die ich nur 300mal gepreßt hatte. Distributers haben haben große Mengen danach bestellt. Watts und 7Th City haben 1600 Platten geordert. Ich glaube nach sieben oder acht Platten wird das Label sich selbst tragen können und seinen Platz in der Labellandschaft gefunden haben. Das Label soll aber immer ein Undergound-Label bleiben. Mein Ziel ist es, zwei Platten im Monat herauszubringen. Ich kann das aber nur bewerkstelligen, wenn die Tracks gut genug sind. Die Promotapes, die ich von anderen kriege, sind oft nicht sehr gut.


Deine Platte The Blunted Boy war besser produziert als deine Debutplatte auf Poroper, druckvoller, mehr was für den Club!

S:
Ja, ich presse jetzt da, wo alle Houselabels pressen lassen, bei Europa Disk. Ich habe vorher in Brooklyn pressen lassen, aber die Jungs haben meine Tracks oft abgefuckt. Jetzt kostet es mich ein bißchen mehr, aber die Produktion ist besser. Ich presse derzeit nur 1000 Copies, um die Platten rar zu halten.
FP:
Wie wird deine neue Platte auf Proper heißen?
S:
Meine nächste Platte heißt "The Carbon Boy"- Back To Big Funk. Es gibt eine Story dahinter, jedesmal wenn du dir Damons White Label anschaust, sehen die aus wie Waffeln, gelb bis schwarz. Carbon heißt übersetzt verkohlt, das ist der Hintergrund. Stilistisch ist die Platte total anders als die letzte. Die eine Seite ist harter Underground-Acid, die andere ist minimalistischer Funk. Ich bin in der letzten Zeit sehr damit beschäftigt gewesen, solche Stücke der ersten Kategorie zu machen. Die neue 12" für Djax Up ist in ähnlichem Stil. Ich bin mir noch nicht sicher wie sie heißen wird, vielleicht Horoshison, was auf japanisch so viel heißt wie Mr. Storm. Ich hoffe sie kommt im April heraus, so daß ich sie bei meinem Gig in Chicago spielen kann. Saskia von Djax Up schwärmt total von ihr. Außerdem werde ich mehr auf Delirium herausbringen.
FP:
Du bist auch auf dem Trance Atlantic Sampler mit DJ Skull, Joey Beltram, Plastikman e.t.c., der gerade erschienen ist ?
S:
Wie sieht er aus? Ich habe ihn noch nicht bekommen.
FP:
Es ist quasi ein amerikanischer Sampler, mit guten Leuten.
S:
Momentan scheint jeder auf US-Tracks abzufahren. Das kann sich in einem halben Jahr wieder ändern und es ist wieder Frankfurt Sound in. Was in den nächsten Monaten angesagt sein wird ist House mit Acid. Womit ich große Probleme habe ist die geographische Lage eines Artisten, die für mich scheißegal ist. Ich glaube, daß es jemanden in Alaska geben könnte, der unglaublich gute Sachen macht, aber der Umstand, daß du nicht aus Chicago oder Detroit kommst, bringt dir weniger Aufmerksamkeit ein. Ich habe mit Daniell Bell gesprochen und er hat mir 100%ig zugestimmt. Er hat gesagt, daß momentan ein paar gute Platten aus Detroit kommen, aber auch ein Haufen schlechter.
FP:
Wer hat die Zeichnung auf der Blunted Boy gemacht?
S:
Die Zeichnung ist von meiner Frau, sie hat sie frei-Hand gezeichnet. Ich mag es, wenn die Platte nicht so stark technoid aussieht.
Arbeitest du noch an anderen Projekten, außer den besagten?

S:
Ich habe diverse Angebote von Majors, aber ich bin nicht sicher, ob ich meinen Namen dafür hergeben sollte, d.h. unter ihm die Platten herausbringen soll? Angebote kommen auch aus Deutschland.
FP:
Harthouse?
S:
Kein Kommentar!
FP:
Damon Wild wollte auch mal eine Platte auf Harthouse rausbringen, hat es dann aber gelassen.
S:
Mit Verträgen ist das so eine Sache. Wenn sie nicht am ersten oder zweiten Tag klappen, kippt die ganze Sache und es wird ekelhaft. Abgesehen davon gibt es aber auch Verhandlungen mit anderen Labels, z.B. Trope.
FP:
Es haben sich aber keine Majors in New York gefunden?
S:
Es gab einen Punkt, wo sich TVT (TV Tunes) für mich interessiert haben. Aber was du auf jeden Fall drucken kannst ist, daß amerikanische Labels nur das nehmen, was vorher in Europa erfolgreich war. Autechre, LFO, Aphex Twin e.t.c., alles was auf Warp rauskommt. Sie würden niemals einen Underground-Artisten unterstützen.
FP:
Wie bist du dazu gekommen, auf Delirium Platten zu machen?
S:
Der Kontankt ging über Pete Namlook, mit dem ich das Hemisphere-Projekt gemacht habe. Er hat mich eingeladen nach Frankfurt, was sehr interessant war, weil ich viel über die Stadt gehört hatte und so habe ich auch Jörg vom Delirium kennengelernt.
Wie machst du deine Tracks?

S:
Also, ich habe immer eine Idee, bevor ich anfange, was produktiver ist, als anders herum. Ich arbeite jeden Tag im Studio. Ich benutze kein Midi, sondern nur Din Sync; Voltage und Gates, welche mir erlauben, Sequenzen zu schaffen. In der letzten Zeit, angefangen mit der Ausgang II auf Synewave, habe ich begonnen, mich für Chicago- und Detroit-Sounds zu interessieren und habe dahingehend alte analoge Keyboards gekauft.
FP:
Du bist ja kein DJ, aber hattest vor einzusteigen. Was ist daraus geworden?
S:
Ich habe da nicht viel gemacht. Was ich momentan mache, sind Dubplates von meinen Stücken um sie Damon zu geben, der sie dann in Europa verteilt. Dubplates kosten mich 50 Dollar, was OK ist. In Deutschland fliegen zur Zeit auch ein paar Acetate rum. Electric Indigo hat z.B. zwei Platten. Ich glaube, daß ich diese Tracks auf Synewave veröffentlichen werde. Ich mache mich aber bereit für Live-Auftritte. Am 15 April gibt es eine große Djax Up Party in Chicago, wo ich teilnehme.
FP:
Wie sehen Live Gigs aus bei dir?
S:
Immer anders als das Material, das ich auf Platte veröffentliche. Es macht für mich keinen Sinn, etwas wiederzugeben, was schon auf Platte draußen ist.
FP:
Wirst du in absehbarer Zeit wieder etwas auf Plus 8 herausbringen?
S:
Das ist nicht abzusehen.
FP:
Wo gehst du aus in New York?
S:
Um ehrlich zu sein, es hört sich wirklich lahm an, aber ich gehe nicht in Clubs. Wenn ich dorthin gehe, ist mein Gehör abfuckt für den nächsten Tag und ich kann nicht mehr produzieren. Es ist unglaublich, daß Leute die Motivation aufbringen können, zehn Stunden zu elektronischer Musik zu tanzen. Ich kann das auch, aber die Umgebung, in der ich mich befinde, unterscheidet sich stark davon. Ich gehe zu einer großen Party alle fünf Monate. Wenn du auf einer großen Party bist, hast du hunderte von Leuten mit Hüten und Rave Gear und ich komme da rüber wie der ordinäre "White Boy". Das bringt einen schon durcheinander. Wenn ich einen Track höre, den ich wirklich mag, flippe ich total aus, wie z.B. vor kurzem, als jemand einen Mike Dearborn-Track spielte. Das ist für mich immer unglaublich, denn sowas spielt man hier so gut wie nie. Aber irgendeiner muß die Sachen doch spielen, weil sie sich doch auch verkaufen. Ich wünschte mir, ich würde wissen, wo man so etwas hören kann.


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